Selbsterfahrung oder Selbst­optimierung ?

Selbsterfahrungstrainings sind ein Spiegel von Arbeits – und Ausbildungsverhältnissen. Einerseits bringen Menschen ihre Lebensthemen dort ein, andererseits ist Selbsterfahrung in vielen Berufsbildern zu einem Ausbildungsbestandteil geworden. So werden in diesem Spiegel gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Veränderungen sichtbar und wirksam.

Seit der Ausbreitung neoliberaler Wirtschaftspolitik orientiert sich die Qualität von Arbeit und Ausbildung auch im psychosozial/pädagogischen und im Gesundheitsbereich zunehmend einseitig an wirtschaftlichen Kriterien.

„Quality management“, an sich ein neutrales Instrument zur Realisierung von Qualitätskriterien, wird primär eingesetzt zur Absicherung unternehmerischer Interessen. Qualitäts-Anforderungen werden dann top-down (von oben herab) definiert und orientieren sich vorrangig an Produktionsabläufen, Produktqualität, Kundenzufriedenheit, Kosteneffizienz, Auftraggeber-Zufriedenheit.

Für viele ArbeitnehmerInnen jedoch hat sich die Qualität ihres Arbeitsalltags verschlechtert. Arbeit ist ein existentieller Faktor, der viel Lebenszeit einnimmt und der Selbstwert und Identität eines Menschen beeinflusst. Ein Mitspracherecht über die Qualität ihrer Arbeitssituation „bottom – up“ ist innerbetrieblich jedoch kaum vorgesehen – es sei denn die Betreffenden organisieren sich gewerkschaftlich. MitarbeiterInnen, Auszubildende und Studierende werden in ihren qualitativen Potentialen – wie z.B. Kreativität, zwischenmenschliche Wärme, Eigeninitiative, Eigenverantwortung – häufig unterfordert und demotiviert. Stattdessen kommt es zu einer quantitativen Überforderung – durch zunehmenden Zeitstress, Leistungsdruck und durch überbordende Dokumentationspflichten, welche der – top down definierten – Qualitätskontrolle dienen sollen.

In diesem Zusammenhang ist das ursprünglich emanzipatorische Anliegen von Beratung, Psychotherapie und Selbsterfahrung gefährdet. Die Freisetzung persönlicher Potentiale und eine eigenverantwortliche Lebensgestaltung waren das essentielle Ziel der humanistisch orientierten Selbsterfahrungskonzepte. Die Befreiung von unhinterfragten normativen Zwängen, die vorbehaltlose Wahrnehmung des „Es ist, was es ist“ und die Annahme des „Ich fühle, was ich fühle“ erscheint unter dem Druck des Funktionieren – Müssens zunehmend als riskanter Luxus. Viele junge Arbeitssuchende und ArbeitnehmerInnen suchen jetzt „Selbstoptimierung“, um den vorgegebenen Standards gewachsen zu sein. „Zielorientiertheit“, „Zeit – und Stressmanagement“, „Abgrenzungsstrategien“, der „richtige Auftritt“ sollen trainiert werden. Diese Fähigkeiten können strategisch durchaus notwendig sein, werden aber in der Rezeption von Selbsterfahrungstrainings oft als heimlicher Lehrplan („hidden Curriculum“) wirksam und unreflektiert als Persönlichkeitsnormen verinnerlicht. Beratung und Selbsterfahrung werden unter solchen Umständen zu einem Instrument der Selbstunterwerfung. Es erfordert besondere Aufmerksamkeit, die Symptome dieses „heimlichen Lehrplans“ zum Thema zu machen. Damit steigt die Chance, eigenveranwortlich die „Mischung“ zu entwickeln,  in der  strategisches Rollenhandeln und Authentizität eine gute Verbindung eingehen.