Was ist Gestaltpädagogik?

Gestaltpädagogik ist ein umfassendes  Konzept ganzheitlicher Pädagogik, welches die persönlichkeitsfördernden Ansätze und Methoden verschiedener Richtungen der humanistischen Psychologie  (Gestalttherapie/Integrative Therapie, Psychodrama, TZI, Gruppendynamik und systemische Therapie) mit der nordamerikanischen „confluent education“ und europäischen Traditionen der Reformpädagogik verbindet. Gestaltpädagogik hat den Anspruch, sich in Kontakt mit den aktuellen kulturellen Bedürfnissen weiterzuentwickeln. Daher darf auch ihre Definition variieren und sich weiterentwickeln,  je nachdem, zu welcher Zeit, an welchem Ort und mit welchen Menschen gearbeitet wird.

In Österreich wird Gestaltpädagogik  gefördert vom Verein für gestaltpädagogische Initiativen und Fortbildung  www.gestaltpaedagogik.at  und vom Fachbereich für Gestaltpädagogik der AGB – Akademie für Gruppe und Bildung; und mit religionspädagogischem Zugang am Religionspädagogischen Institut in Graz.  In Deutschland gibt es diesbezüglich mehrere Vereinigungen.

Grundlegende didaktische Prinzipien und Ziele:

  • Der Kontakt und die Zustimmung zu den gegenwärtigen eigenen Bedürfnissen und Gefühlen sind Voraussetzung für zukünftiges Wachstum und Veränderung: Paradox der Veränderung
  • Der bedingungslose Kontakt zu sich selbst ermöglicht erst die Bereitschaft und Fähigkeit, sich ohne Angst vor Selbstverlust auch in andere hineinzuversetzen, und aus sich selbst heraus auf die Mitmenschen und Umwelt zu antworten:  Selbst- verantwortung
  • Polarisierungen zwischen Gefühl und Verstand, Körper und Geist, Spontaneität und Gewissen werden bewusst gemacht. Der Weg vom inneren Kampf hin zum inneren Dialog und damit zu einer verbesserten inneren Integration wird angestrebt. Dies ermöglicht  integratives Verhalten auch im sozialen Umfeld.
  • Die Fähigkeit zum inneren Dialog, zur inneren Versöhnung, setzt Kräfte frei. Sie fördert psychische Belastbarkeit ebenso wie Kontaktfähigkeit, Kreativität, Experimentierfreude, Neugier und
  • Die Selbst- und Sozialkompetenz d. Pädagog*in ist ein zentrales Medium für die Persönlichkeitsentwicklung d. Lernenden. D. Pädagog*in bietet über Haltung, Präsenz, Kontaktfähigkeit, Selbstachtung, und Achtung ihrer eigenen Grenzen einerseits Modell und andererseits Auseinandersetzung und Orientierung. Daher hat die Selbsterfahrung d. Pädagog*in in  allen Gestaltpädagogik- Ausbildungen  einen zentralen Stellenwert.
  • Parallel dazu bietet die Gruppe der Lernenden als gestaltpädagogisch begleitetes soziales Lernfeld zentrale Lernimpulse für die Persönlichkeitsentwicklung.
  • Gestaltpädagogik besteht also erst in zweiter Linie aus typischen ganzheitlichen Unterrichtsmethoden (Phantasiereisen, Rollenspiel, kreatives Schreiben ect), wie sie inzwischen längst in das Repertoire der Pädagogik eingegangen sind. Diese sind  nicht Selbstzweck, sondern dienen der Förderung der o.g. Ziele.  Der Kontakt mit den Anforderungen der Situation von Lehrenden und Lernenden steht im Vordergrund; und hier kann es  U. angebracht sein, konventionell und  autoritativ zu unterrichten, um als ersten Schritt ein sicheres Beziehungsnetzwerk aufzubauen.
  • Persönlich bedeutsames Lernen will an den Erfahrungen der Lernenden anknüpfen und ihnen den sinnhaften Kontakt zu ihren eigenen Fragen ermöglichen; es findet im Kontext persönlicher und gemeinsamer Geschichte und Zukunft statt, welche in das Hier-und-Jetzt des Lerngeschehens einfließen.
  • Die Lernenden werden ermutigt, sich ihrer eigenen Ziele bewusst zu werden, sie durch Handlungen zu verwirklichen und Ergebnisse selbst zu beurteilen (projektorientierte Didaktik)
  • Widersprüche zwischen humanistischen pädagogischen Idealen und Rahmenbedingungen pädagogischer Institutionen sollen als Herausforderung angenommen und Bewältigungsstrategien entwickelt werden. Die  Realität der pädagogischen  Praxis ist  Ausgangs- und Zielpunkt gestaltpädagogischer Fortbildung.

Christine Tschötschel-Gänger – Lehrtrainerin bei „Gestaltpädagogik Österreich“